Missbrauch - was für ein Skandal!
Offener Brief an unsere Politiker - und an Sie
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sehr geehrte Politiker/innen,
Sehr geehrte Minister/innen,
nun ist es wieder soweit. Eine neuer medienwirksamer Skandal zum Thema Missbrauch. Nein - diesmal gleich mehrere. Alles sind schockiert, entsetzt. So etwas hat es ja noch nie gegeben!
Meine Damen und Herren - uns als Verein gegen-missbrauch e. V. ist es nicht neu, dass es in Deutschland sexuellen Missbrauch gibt. Und den etwa 320.000 Betroffenen, die es im Jahr selbst erleben, auch nicht! Wie kann es also sein, dass es bei jeder heißen Pressephase für Sie wieder so erschreckend neu ist? Seit so vielen Jahren warten wir Betroffene darauf, gehört zu werden. Ist es nun wirklich ENDLICH soweit, dass auch die Politik aktiv wird? Endlich keine leeren Worte mehr? Haben wir tatsächlich ENDLICH Gehör gefunden?
Ja, es sind neue Gesetze nötig und zwar nicht erst seit den neuesten Fällen in katholischen Einrichtungen und Schulen. Für Betroffene ist es eine Zumutung, dass sich seit 20 Jahren nichts geändert hat, trotz der fortschreitenden Aufklärung auch zu diesem Thema. Täter/innen, die Kinder sexuell missbrauchen, werden zu oft freigesprochen oder bekommen Bewährungsstrafen. Würde es um Steuerhinterziehung gehen, wären die Strafen nicht so mild. Das ist leider keine provokante Behauptung, es ist Fakt.
Frau Leutheusser-Schnarrenberger: ja, es ist wirklich an der Zeit, sich über die Verjährungsfristen der möglichen Entschädigung Gedanken zu machen. Aber vielmehr sollten wir über die Verjährungsfristen der Straftat Gedanken machen. Es ist doch ein Unding, dass die Täter/innen nach 10 oder 20 Jahren (je nach "Vergehen") nicht mehr belangt werden können. Was genau verjährt denn an diesen Straftaten? Lassen Sie uns bitte eins noch mal fokussieren: Menschen, die in ihrer Kindheit/Jugend Missbrauch erlebt haben, werden das NIEMALS vergessen. Ihr ganzes Leben lang nicht. Fast alle von ihnen benötigen langjährige, professionelle Unterstützung, um mit dem Erlebten zurecht zu kommen. Meist ist erst während oder nach einer Therapie eine Anzeige überhaupt möglich, da vorher vielen Betroffenen die Kraft und der Mut fehlen. Eine Aufhebung der Verjährung wäre eine wesentlich "gerechtere" Lösung.
Frau SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, auch zu Ihnen möchten wir gerne Stellung nehmen: Sie möchten eine "symbolische Entschädigung" seitens der Schulen?? Was ist mit all den wirklich vielen Betroffenen, die auch missbraucht worden sind, zum Beispiel innerhalb der Familie oder im familiären Umkreis? Bekommen die auch eine Entschädigung? Und wenn ja: von wem?
Und vergessen wir nicht die immer, immer, immer wiederkehrenden Fälle von Täter/innen, die durch "Versehen" oder "Verfahrensfehler" wieder auf freien Fuß gelangen. Nicht selten mit dem Resultat, dass sie gleich wieder übergriffig werden. Dem kann jeder normal denkende Mensch nur mit riesigem Unverständnis begegnen. Es ist ja kein Einzelfall. Trotzdem ist noch nichts passiert. Keine Gesetzesänderung, die diese Lücke stopft, keine Verschärfung. Einfach nichts. Es macht den Anschein, als sei unsere Rechtssprechung den Täter/innen freundlicher gesonnen, als den Opfern.
Die Betroffenen sexuellen Missbrauchs müssen oft um eine Therapie kämpfen! Wenn sie dann von den Krankenkassen bezahlt wird, dann in der Regel auch "nur" über einen gewissen Zeitraum (20 Stunden, 50 Stunden oder 120 Stunden). Bedauerlicher Weise reicht diese Zeit in den seltensten Fällen. Wenn also die bewilligte Therapie "aufgebraucht" ist, müssen die Betroffenen erneut kämpfen: dieses Mal mit den Krankenkassen. Und diese möchten wir mit diesem Schreiben NICHT an den Pranger stellen. Denn genau genommen zahlen die Krankenkassen jedes Jahr Unmengen an Geld für Therapien und Hilfe für Betroffene sexuellen Missbrauchs. Wesentlich "fairer" wäre es doch, wenn das die Täter/innen selbst zahlen würden. Schließlich sind allein sie die Verursacher.
Unser Wunsch ist, dass endlich die zur Rechenschaft gezogen werden, die sich schuldig gemacht haben und dass das Thema Missbrauch endlich nicht mehr wie ein gesellschaftliches Waisenkind behandelt wird: Es ist kein Einzelfall!! Die wenigsten Opfer zeigen die Täter/innen an! Wirklich nur ein Bruchteil. Dies können sicher auch alle Beratungsstellen und Vereine, die sich mit dem Thema beschäftigen, bestätigen. Wir selbst können es bestätigen: von unseren über 2.000 angemeldeten Usern ist es nur ein sehr kleiner Bruchteil, der Anzeige erstattet hat. Was bedeutet das übersetzt? Wenn laut statistischem Bundesamt 18.000 Fälle pro Jahr angezeigt werden und schätzungsweise nur jeder 20. überhaupt jemals Anzeige erstattet, denn reden wir von wie vielen tatsächlichen Missbrauchsfällen im Jahr??
Viele heute erwachsene Betroffene können jetzt - wo sie endlich in der Lage dazu wären - nicht mehr anzeigen, weil die Straftat verjährt ist. Die, die es getan haben, mussten zu oft mit ansehen, dass die Täter/innen freigesprochen wurden oder Bewährungsstrafen erhielten. Das meist langjährige Verfahren war ohnehin schon eine Tortur. Die Strafen sind meist lächerlich für all die körperlichen und seelischen Qualen, die sie oft jahrelang erlebt haben. Es folgt der Kampf um Therapien und alles möglichst unter dem Deckmantel dieses großen Tabus: denn "über sexuellen Missbrauch spricht man nicht". Es sind nicht die Betroffenen, die sich schämen müssen. Es sind alle die, die dieses Spiel mitspielen.
Zur Frage, wie wir uns dem Thema stellen... Es wäre ein Anfang, wenn die großartigen spezialisierten Beratungsstellen wie zum Beispiel Wildwasser, Dunkelziffer, und viele mehr (!) endlich eine bedeutsame Unterstützung bekämen. Präventionsprojekte (auch von anderen Organisationen) gibt es viele! Aber die Umsetzung scheitert an zwei Dingen: wie bei fast allem an dem finanziellen Aspekt. Und zum zweiten an der Tatsache, dass sie keine Pflicht sind. So viele Schulen entgegnen uns auf unsere Angebote, dass sie keinen Bedarf haben. An 'ihrer Schule' würde so etwas nicht vorkommen. Entschuldigen Sie bitte - das ist wirklich das Unüberlegteste, was ein Schulsprecher behaupten kann. Weder Täter/innen noch Opfern steht der Missbrauch auf der Stirn geschrieben. Solche Aussagen fördern auch weiterhin das Schweigen seitens der Opfer, die sich ohnehin schon nicht trauen, sich zu Wort zu melden. Die Schulen geben uns gegenüber zum Teil zu, dass sie Angst haben, ein Präventionsprogramm anzubieten, mit der Begründung, es würde ihren guten Ruf zerstören, bzw. es könnte gemutmaßt werden, dass es bei ihnen sexuell missbrauchte Schüler gibt.
Jeder Kindergarten und jede Schule braucht Präventionsprogramme. Drogenprobleme und AIDS-Beratung gibt es doch auch an jeder Schule!! Wenn dies gleichzeitig auch ein Schuldbekenntnis der Schulen ist, dass es an jeder Schule Drogen und AIDS gibt, dann haben wir den Begriff Prävention alle falsch verstanden.
Sexueller Missbrauch ist ein Thema, was alle angeht: Eltern, Lehrer, Schüler, Kinder, Erzieher, Familien und Sie!
Zusammengefasst fordern wir:
• neue Verjährungsfristen für die Opferentschädigung
• keine Verjährungsfristen der Straftaten bzgl. sexuellen Missbrauchs
• deutlichere Strafen für die Täter/innen (inkl. der Übernahme der Therapiekosten für die Betroffenen)
• Sexueller Missbrauch als Pflichtthema in der pädagogischen Ausbildung
• Prävention gegen sexuellen Missbrauch als regelmäßige Pflichtmaßnahme für alle Kindergärten und Schulen
• Starke Förderung der spezialisierten Anlaufstellen
Gerne nehmen wir zu diesem Schreiben Stellung. Sie erreichen uns entweder per E-Mail unter sasita@gegen-missbrauch.de oder in unserem Hauptsitz:
gegen-missbrauch e.V.
Am Menzelberg 10
37077 Göttingen
Tel.: 0551 - 500 65 699
Mit freundlichen Grüßen,
Isabel Brockhöfer
2. Vorsitzende des Vereins gegen-missbrauch e. V.
Veröffentlicht am
18:03:35 09.03.2010
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