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Kinder

Wie Kinder sexuelle Gewalt und pornographische Ausbeutung erleben

Nehmen wir als Einstieg ein alltägliches Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie gehen auf der Toilette einem menschlichen Bedürfnis nach. Sie drücken, entwickeln Geräusche und Gerüche. Vielleicht lesen Sie dabei, genießen die "Erleichterung".

Nun stellen Sie sich vor, die Tür geht auf und ein paar Freunde oder Kolleginnen stehen da und schauen Ihnen zu. Vielleicht machen sie Bemerkungen über Ihre Verrichtung. Und dann holen sie eine Videokamera heraus und beginnen Sie zu filmen. Die Zeugenschaft von Personen und Bildern verändert die Situation vollends. Von einem Moment auf den anderen wird aus einer alltäglichen, befreienden Verrichtung ein Horrortrip von Demütigung, Verletzung und Wehrlosigkeit.

Haben Sie sich ursprünglich bei Ihrer Verrichtung geschämt? Natürlich nicht! – Ganz im Gegensatz zu dem Kind beim sexuellen Missbrauch.

Wenn der Missbrauch beginnt, ist das Kind meist bestürzt, verwirrt, fassungslos. Oft bettet der Täter seine Übergriffe in angeblich harmlose Spiele und macht dann eben "spaßeshalber" ein paar schöne Fotos davon - als Einstieg.

Das Kind kann dieses seltsame Verhalten des Erwachsenen nicht einordnen, glaubt sich getäuscht zu haben, kann und will nicht wahrhaben, was ihm geschieht. Die Kinder hoffen, dass "es" aufhört. Schon hier beginnt das Schweigen. Wie "es" in Worte fassen? Wer wird das glauben? Das Kind kann es ja selbst nicht glauben.

Die meisten betroffenen Kinder schämen sich abgrundtief, dass ihnen so etwas passiert ist. Sie schämen sich für den Täter, für sich selbst und sie schämen sich für die oft so unvorstellbar erniedrigenden und widerlichen Handlungen.

Eng verbunden mit den Schamgefühlen sind die Schuldgefühle. "Ich muss Schuld haben, sonst würde mir das nicht geschehen". Die Schuldgefühle entstehen auch durch einen psychodynamischen Prozess, den wir "Identifikation mit dem Aggressor" nennen.

Jedes Kind ist existentiell auf seine Eltern angewiesen. Es muss überzeugt sein, dass sie ihm nicht schaden wollen - sein Leben hängt davon ab. Bei einem sexuellen Missbrauch durch eine Bezugsperson beginnt das Kind, sich mit den Augen des Täters zu sehen. Damit wird er entschuldet und das Kind übernimmt die Schuld. "Papa macht das, weil er mich lieb hat, ja, das hat er gesagt!" "Opa macht das, weil ich böse war. Na ja, war ich auch!". Er darf keine Schuld haben, sonst gibt es auch keine Hoffnung.

Bei pornographischem sexuellem Missbrauch kommt verstärkend hinzu, dass 70% der Täter aus dem nahen sozialen Umfeld des Kindes kommen. Es sind also hauptsächlich Väter, Onkel, Lebenspartner der Mutter oder nahe Bekannte, Freunde der Familie. Wie soll sich das Kind ihnen entziehen?!

Den Drohungen, die wir uns in ihrer Gemeinheit manchmal gar nicht vorstellen können, hilflos ausgeliefert, wird das Kind zum Spielball perverser Phantasien. Es wird behandelt wie ein Stück Dreck und so fühlt es sich auch an - schmutzig. Wieder ein Grund, nichts zu erzählen.

Schuld- und Schamgefühle werden vom Täter genährt: "Du willst das doch auch!", "Du bist einfach zu süß!", "Du hast dich doch gar nicht gewehrt!", "Nur schlechte Mädchen tun das!", "Sollen alle wissen, dass Du ein Schwuler bist?"

Der eigenen Wahrnehmung, dem eigenen Erleben, den eigenen Gefühlen und Sinnen nicht mehr vertrauen zu können, bedeutet, in einer ver-rückten Welt zu leben. In dieser Welt gibt es keine Stabilität und keine Sicherheit.

Und trotz all dem gibt es da auch meist noch die Verbundenheit. Für viele betroffene Kinder ist der Täter tatsächlich die einzige Person, die sich um sie kümmert, der „liebe Vater“, einzige "Freund" - was dem Täter gut zupass kommt und was er fördert, in dem er das Kind von anderen Menschen und möglichen Vertrauenspersonen entfremdet. "Ich weiß, die Mama hat Dich gar nicht lieb", "... sie wird krank und stirbt, wenn sie hört, was Du gemacht hast", "Du darfst dem Opa nichts erzählen, sonst kriegt der einen Herzinfarkt“ usw. So ist das Kind ganz zerrissen.

Kinder, die missbraucht werden, sind furchtbar einsam. Sie tragen ein Geheimnis mit sich herum, das sie, vor allem im eigenen Gefühl, unterscheidet von anderen Kindern. Und sie dürfen sich niemals etwas anmerken lassen (Was ihnen glücklicherweise oft nicht gelingt).

All diese Gefühle werden durch die Pornografie verschlimmert. Das Gefühl der Erniedrigung und Beschämung steigt mit der Anwesenheit von Zeugen und dem Gefilmtwerden. Das Kind wird zur Handelsware degradiert, bemessen nach dem Profit, den es bringt. Das Objekt der Begierde für Hunderte fremder Augen und Phantasien.

Aber die Zeugenschaft der Bilder bewirkt auch, dass die Bedrohung durch die Täter viel massiver ist, denn das Entdeckungsrisiko ist höher. Mit offener oder subtiler Gewalt, Druck, Versprechungen oder materiellen Zuwendungen, Schuldzuweisungen und angeblicher Zuwendung werden die Kinder gefügig gemacht. Eine Mischung aus all dem kann wie eine Gehirnwäsche wirken. Durch das Zeigen von Kinderpornos wird den Kindern suggeriert, dass das doch ganz normal ist und anderen Kindern Spaß macht. Dies verrückt wiederum die eigene Wahrnehmung der Kinder. Sind erst mal Aufnahmen fertig gestellt, können die Kinder erpresst werden, weiterzumachen, noch härtere Dinge zu tun - und dabei zu lächeln.

Besonders belastend ist, wenn die Kinder oder Jugendlichen gezwungen werden, vor laufender Kamera andere Kinder zu missbrauchen oder zu verletzen. Diesem Druck nicht widerstanden zu haben, selbst so geworden zu sein wie der Täter, ist für ein Teil der Opfer ein Abgrund an Scham und Schande, der ihnen wirkungsvoll den Mund verschließt. Für andere ist es eine Überlebensstrategie selber „zum Täter zu werden“. Denn das Gefühl der völligen Hilflosigkeit ist so unerträglich, dass sie lieber die Schuld übernehmen. Dabei können sie sich wenigstens einreden, sie machten das freiwillig oder wegen des Geldes oder um die blöden Freier abzuzocken. Dieses bisschen vorgetäuschte Macht hilft ihnen gegen die totale Selbstaufgabe. Durch die Zeugenschaft der Bilder gibt es kein Vergessen und kein Verdrängen.

Verdrängung ist ein wichtiger Überlebensmechanismus von Gewaltopfern. Sich nicht zu erinnern, den Schmerz nicht wahrzunehmen, ist für die Kinder in vieler Hinsicht eine Gnade. Bei Pornografie ist dies nicht möglich. Es gibt immer die Zeugen und die Filme. Das kann kaum verdrängt werden. Die Bilder sind der Beweis, dass Gefühle keine Rolle spielen.

So ist für einige Mädchen und Jungen der einzige Ausweg, selbst "gefühllos" zu werden. Sie spalten ihre Gefühle ab, werden eiskalt und abgebrüht. "Diese Pornos drehen, das macht gar nichts. Ist sogar ganz geil. Und die Knete stimmt. Also warum nicht". Das "coole" Auftreten wird den Kindern oder Jugendlichen oft nachteilig ausgelegt. Es ist nicht "Verdorbenheit", es ist die nackte Notwehr. Wenn sie ihre wirklichen Gefühle spüren müssten, könnten sie das vielleicht nicht überleben.

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