Beziehung zum Großvater

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MarieRe95
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Beziehung zum Großvater

Beitrag von MarieRe95 » So 13. Mär 2022, 14:28

Hallo zusammen! Ich habe mich gerade neu hier angemeldet und versuche hiermit einen Beitrag zu teilen, um mir Ratschläge einzuholen.

Ich bin 26 Jahre alt und erkenne erst seit ein paar Wochen, dass ich eine ungesunde Beziehung zu meinem Großvater habe. Mein Großvater hat meinen Vater adoptiert und ist nicht wirklich mit mir verwandt aber trotzdem hat er von Anfang an eine sehr wichtige Bezugsperson für mich dargestellt. Im Alter zwischen 3-8 J. habe ich regelmäßig in seinem Bett geschlafen und wir haben viel gekuschelt. Für mich war diese Beziehung so wichtig, weil meine Eltern oft heftig miteinander gestritten haben und mein Vater uns verließ ohne ein Wort zu sagen als ich ca. 9 Jahre alt war. Weil die Konflikte so heftig waren, habe ich oft bei meinen Großeltern übernachten wollen und mich dort auch sehr wohl und behütet gefühlt. Als ich in die Pubertät kam (ca. 11 J.) hat sich mein Opa mir gegenüber anders verhalten und häufig mein Aussehen unangemessen kommentiert, wenn er betrunken war. Auf einer Hochzeit hat er Fotos von meinem Ausschnitt gemacht (nur meine B***** waren auf den Bildern zu sehen) und diese auf seinem PC gespeichert. Zu dieser Zeit trugen meine Eltern ihren Rosenkrieg vor Gericht aus und dort berichtete meine Mutter dem Richter von diesem Vorfall aber wenn ich ehrlich bin, dachte ich immer, dass sie dies tut, um meinen Vater vor Gericht schlecht dar stehen zu lassen. Als ich 15 Jahre alt war ist meine Großmutter sehr plötzlich an Krebs verstorben. In dieser Zeit fragte mich mein Großvater, ob ich nicht zu ihm ziehen wolle. Er erinnerte mich, wenn er betrunken war häufig daran, dass ich ihm doch als Kind gesagt habe, dass ich ihn heiraten wolle. Er gestand mir mehrere Male im betrunkenen Zustand, dass er in mich verliebt sei und er sich erhofft habe, dass wir wirklich irgendwann einmal heiraten würden. Ich erinnere mich daran, dass er mich tagelang ignorierte, wenn ich nicht mit ihm Essen gehen wollte und einmal schrieb er mir einen Brief mit ganz vielen heftigen Vorwürfen. Meine Mutter las den Brief und sagte, dass dieser nicht an eine Enkelin sondern eher an eine Geliebte gerichtet sei.
Ich habe die Qualität dieser Beziehung jahrelang verdrängt und mir bis vor kurzem eingeredet, dass mich mein Großvater lieb hat. Ich dachte, dass ich ihm so viel schuldig bin, weil er mich finanziell immer unterstützt hat und ich mich emotional an ihn gebunden fühle, weil er für mich immer der Vater war, den ich nie hatte.
Jetzt kommen aber diese ganzen Erinnerungen hoch und ich kann nicht mehr wegsehen und so tun, als wäre das alles in Ordnung für mich. Ich habe immer so getan, als würde ich nicht verstehen, was er mir da sagt und als wäre er für mich einfach nur der liebevolle Großvater, um den ich mich kümmern muss. Ich habe bis vor kurzem auch oft Treffen von mir aus angeboten und wir sind regelmäßig Essen gegangen und sogar alleine in den Urlaub gefahren. In diesem Urlaub ging es mir so schlecht und ich konnte mich aber niemandem anvertrauen und habe alles immer weiter verdrängt. Ich fühle mich seit Wochen wie eine schreckliche Verräterin und ekel mich vor mich selbst. Ich habe Schuldgefühle und weiß nicht, wie ich jetzt vorgehen soll. Soll ich den Kontakt abbrechen? Es fühlt sich so an, als würde ich jemanden im Stich lassen, der sich mein ganzes Leben um mich gekümmert hat und als hätte ich ihn auf dem Gewissen...und gleichzeitig fühle ich diese unbändige Wut gegen meinen Großvater, dass er mich verbal und körperlich seit meiner Pubertät sexuell bedrängt und diese Erwartungshaltung mir gegenüber pflegt, die ich so tief verinnerlicht habe...ich weiß einfach nicht mehr weiter...

unterwegs
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Re: Beziehung zum Großvater

Beitrag von unterwegs » Fr 18. Mär 2022, 19:52

Erst mal herzlich willkommen.
Deine Gedanken und Gefühle kann ich nachvollziehen.
Mein Vorteil war, dass die Tatperson schon tot war und ich somit niemanden im Stich lassen konnte. Gefühlt. Denn nicht ich hätte die Person im Stich gelassen; sondern die Person hat mich, mein Vertrauen missbraucht und sich selbst vieles kaputt gemacht.

"Es fühlt sich so an, als würde ich jemanden im Stich lassen, der sich mein ganzes Leben um mich gekümmert hat "

Das hat er nicht.
Am Anfang mag das ja noch so gewesen sein. Es ist auch völlig in Ordnung, dass ein Kind Schutz und Geborgenheit sucht und das braucht.
Aber was er daraus gemacht hat, ist das Gegenteil. Er hat das zerstört.

Daher würde ich den Satz so nicht stehen lassen können. Er hast sich nicht dein ganzes Leben gekümmert. Nur am Anfang. in der nächsten Lebensetappe hat er zerstört.

Mir hat es sehr geholfen, mein Leben in verschiedene Abschnitte einzuteilen. Auch seelisch. Auch Wünsche mehrerer innerer Kinder. Das kleine Kind, das Geborgenheit suchte und irgendwie auch fand. Das Größere, das sich berechtigt emotional zur Wehr setzt. Das nicht will, was angetan wird.
Das kleine darf die Liebe spüren. Heute, Jahre später würde ich sagen: die Abghängigkeit des "geliebt werdens hassen", aber das war ein langer Weg.
Das große Kind darf die Wut haben, den Hass, das Wehren.

Die Tatperson ist zwar die gleiche Körperliche Person. Das Verhalten habe ich in verschiedene Personen aufgeteilt. Person1 und Person2. Das Tatverhalten hatte sich verändert. Beides ***. Das eine fühlte sich lange "gut" an, weil ich die Abhängigkeit nicht erkannte, das andere war seelisch grausam.
Damit ich mich nicht selbst bekämpfte, mich zerriss, dieses darf ich, darf ich nicht mich kaputt machte. Habe ich beschlossen: Kind 1 darf Tatperson 1 lieben und die Zeit als schön empfinden. Jugendliche/Kind 2 groß darf wütend und voller Hass auf die gleiche Tatperson 2 sein.

Viele Jahre später hat das kleine Kind gelernt wütend zu sein
und das Große nicht mehr das Kleine dafür zu verurteilen, dass es (kind-gerecht naiv war)
Heute streiten sich die beiden nicht mehr. Beide haben heilen gelernt.
Ein langer Weg, der sich gelohnt hat. Mit ganz viel Begleitung vom Verein hier.

MarieRe95
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Re: Beziehung zum Großvater

Beitrag von MarieRe95 » Di 29. Mär 2022, 19:03

Vielen Dank für diese wertvolle Antwort!

Ich beginne nun bald eine Therapie und im Moment geht es mir so, als würde ich eine schreckliche Trennung durchmachen aber gleichzeitig fühle ich mich auch Tag für Tag "befreiter". Auch wenn mir die (so wie ich es verstehe) emotionale Aufteilung auf diese Person sehr gefällt und ich damit in Zukunft noch mehr arbeiten möchte, weiß ich noch überhaupt nicht, wie ich konkret handeln und auf seine Kontaktaufnahmen etc. reagieren soll. Ich habe mich bis vor ca. 6 Wochen in den letzten Jahren wirklich oft gekümmert und viel mit ihm unternommen. Am liebsten möchte ich ihn aber überhaupt nicht mehr alleine treffen sondern nur noch mit meiner Schwester. Aber ich spüre auch deutlich, dass ein Teil von mir den Kontakt gänzlich abbrechen und ihn konfrontieren möchte.

Auf jeden Fall bin ich sehr dankbar für deine Antwort und geteiltes (vermutlich auch ähnliches) Schicksal!

Herzliche Grüße
Marie

unterwegs
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Re: Beziehung zum Großvater

Beitrag von unterwegs » Di 29. Mär 2022, 20:09

Bitte gerne.

Deine Bedenken, Wünsche, Gefühle kann ich nachvollziehen.
Auf dich selbst zu hören, ist mit das Wichtigste [an dieser Stelle fehlen mir die Worte um auszudrücken, was ich meine]

Es ist manchmal schwer auf sich selbst zu vertrauen. Mir, weil es oft schlecht geredet wurde. Die Tatperson sagte dazu, dass ich mir nicht vertrauen darf, damit sie mich besser kaputt und gefügig machen kann. In anderen Momenten setzte es die Tatperson gezielt darauf an, mein Selbstvertrauen - Vertrauen in mich selbst - zu zerstören.

Im Verarbeitungsprozess war das ganz schwierig. Einerseits weil ich wusste, dass es wichtig ist, darauf zu achten, was MIR gut tut; andererseits war ich darauf konditioniert nur zu tun, was der Tatperson gut tun sollte.
Als die Person dann tot war, konditionierte mich das Umfeld weiter. Das fand ich fast noch anstrengender, weil die ja nichts dafür konnten. Aber genau das machte mich so wütend: was mischten die sich da ein? Noch dazu, wo die Person tot war?

Konfrontiert habe ich dann später mein Umfeld.
Die Tatperson früher schon. Es hat nur nichts gebracht. Die Tatperson arbeitete mit gaslightning, abstreiten, mich diskreditieren usw.
mit am schlimmsten war: das bildest du dir nur ein - außerdem war es harmlos.
Das hat mich an die Grenzen des Wahnsinns getrieben (was das Ziel der Person war). Wenn ich es mir einbilde, kann es nicht harmlos sein. Dann existiert es ja nicht. Wenn es harmlos ist, dann hat die Handlung ja statt gefunden. Die Augen, die tötenden stechenden zerstörenden Blicke mit diesem irren Grinsen im Gesicht ... boah mich gefriert es heute noch.

Ich wusste irgendwann, dass mit der Person nicht zu reden war. Die Fallen waren so ausgelegt, dass ich mich durch Schweigen selbst verletzte und mit die Person konfrontieren mich das zerstörte.
Rückblickend bin ich aber froh es versucht zu haben. Ich habe mein Schweigen gebrochen. Ich habe mich gewehrt. Ich habe selbst entschieden, dass ich aus dem aussichtslosen Kampf ausgestiegen bin! Aber nicht schweigend, nicht wortlos.

Als die Person tot war, war es erst mal ein Schock. In der Zeit hatte ich schon viel verdrängt und die Person hatte sich angestrengt mich am Wickel in der Manipulation zu behalten. Das hieß: deutliche Spitzen und nicht ganz aufgehört haben mit psychischen Missbrauch. Aber die Person wusste ganz genau, dass sie nicht zu weit gehen durfte.
Im Grunde fühlte ich mich dann aber schnell befreit, besser, erleichtert.

Dann waren es einige Jahre in denen ich nichts mehr wusste.
Bis es plötzlich alles hoch kam.
Erst der Jugendliche Teil in mir, dann das Kind.
Die beiden als Geschwisterstreits auszuhalten, war für mich einfacher, als ich ich mit mir selbst kämpfend. Die beiden konnte ich auch leichter in ihr "Zimmer" schicken. Ich hab mir da sozusagen in mir drin was eingerichtet. Es war in dem Sinn kein Zimmer, aber ein fester Platz, wo sie sich wohlfühlen und wo sie nicht streiten können. Damit ich mein erwachsenenleben führen kann. Und dann, wenn ich Zeit habe, habe ich mich um beide gekümmert. Ein bisschen wie mit echten Kindern, nur in mir drin.
Weil ich mein Verhalten manchmal nicht mehr steuern konnte und das Gefühl hatte, wieder wie ein Kind oder wie als Jugendliche zu agieren, habe ich Freunde eingeweiht.

Als dann mein früheres Umfeld immer wieder die Tatperson lobten oder alte Muster weiterführten, rumpelte es in mir. Da habe ich dann angefangen nach und nach zu konfrontieren.
Wer mir nicht so wichtig war, zu erst. Wenn da der Kontakt abgebrochen wäre, wäre es für mich nicht so schlimm gewesen.
Dann die, die mir sehr wichtig sind. Wo ich wusste: wenn ich es nicht sage, lebe ich eine Lüge; die Lüge der Tatperson auf meine Kosten. Wenn ich es ausspreche, kann es passieren, dass der Kontakt abgebrochen wird. Ich habe mich damit auseinander gesetzt und dann gesprochen. Lieber ausgeprochener und ehrlich abgebrochener Kontakt, als lebenslang die Lüge der Tatperson fortzusetzen.
Spoiler: der Kontakt ist da. Es war ein Schock, viele Fragen und verdaut ist es noch nicht bei denjenigen. Aber sie akzeptieren mich so wie ich bin und glauben mir. Sie versuchen zu verstehen und das in ihre eigenen Erinnerungen zu integrieren.

Es wissen nicht alle.
Diejenigen, die die alten Muster nicht übernommen haben; früher schon frei mit mir agiert haben (ohne Manipulation), da habe ich nichts gesagt.
Wir haben heute guten Kontakt, sie triggern mich nicht, sie würden aus allen Wolken fallen; waren aber nie Teil des Schweigesystems. Daher ist für mich ok, sogar besser, wenn ich es ihnen nicht sage.

So habe ich mich langsam vorgearbeitet.
Immer mit dem prüfen, was tut MIR gut. Jetzt. Dem inneren Kind. Der inneren Jugendlichen.
Oft waren sich die beiden nicht einig. Das Kind wollte reden. Die Jugendliche das Kind dafür verprügeln. Es sind oftmals die Fetzen geflogen.
Aber mit dem Wissen, dass ich die Erwachsene bin. Im Heute. Im Jetzt. Mit dem Wissen von heute. Ging es mir besser.
Ich kann das Kind verstehen. Ich die Jugendliche verstehen. Die Entscheidungen treffe ich als Erwachsene. Das Kind und die Jugendliche können mich oft nicht verstehen (weil sie ja noch jünger sind, andere Muster erlernt haben, noch gar nicht das Wissen haben können !, ihres damaligen altersentsprechend fühlen, denken, handeln). Das entscheidende: beide vertrauen mir. Beide fanden so manches doof, was ich gemacht habe. Mal dem einen, mal der anderen nachgegeben. Wie mit Geschwisterkindern auch. Aber sie vertrauen mir, der Erwachsenen.

Ich hab dann auch beiden Möglichkeiten gegeben auch handeln zu dürfen. Z.B. im Beisein eingeweihter Freund/innen. Nur nicht ständig, nicht plötzlich.
Inzwischen geht es beiden gut und ich fühle mich als eine Person. Wenn doch noch mal wieder was hoch kommt, dann weiß ich, dass ich hier im Verein schreiben kann/darf und die beiden inneren wissen, dass ich sie beschütze und für sie da bin.

Auch wenn es leichter gesagt ist, als getan.
Hör auf dein Gefühl und nimm dich selbst ernst.

Mit Therapie darauf eingehen, ist auch eine gute Idee. Wenn die Chemie stimmt, kann das bei der Umsetzung der Handlung helfen.

Ich wünsche dir auf jeden Fall schon mal viel Kraft

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