Menschen, die wissen oder vermuten, dass Darstellungen der an ihnen verübten sexualisierten Gewalt im Internet verfügbar sind, stehen vor einer besonderen und langanhaltenden Belastung. Selbst mit professioneller Unterstützung fällt es vielen schwer, das Erlebte zu verarbeiten. Der Grund liegt darin, dass die Gewalt aus ihrer Perspektive nicht vollständig vergangen ist: Die Existenz von Bildern oder Videos im Netz kann sich wie eine fortdauernde Form des Missbrauchs anfühlen.
Diese Perspektive wird eindrücklich durch die Erfahrungen von Ingo Fock verdeutlicht. Er gründete 2003 den Verein gegen-missbrauch e. V. und ist dort seitdem als Vorsitzender aktiv. Fock ist selbst Betroffener von sexuellem Missbrauch im sozialen Nahfeld sowie von sexueller Ausbeutung und Gewalt auf dem früheren sogenannten „Kinderstrich“ am Bahnhof Zoo. Von ihm angefertigte Aufnahmen aus dieser Zeit sind bis heute im Internet vorhanden.
Zunächst bestand bei ihm nur die Vermutung, dass Bilder oder Videos im Umlauf sein könnten, da die Täter Aufnahmen gemacht hatten. In den frühen Jahren des Internets war der Austausch illegaler Inhalte technisch einfacher und die Netzwerke überschaubarer. Heute sind die Mengen an Missbrauchsabbildungen so groß, dass ein gezieltes Auffinden eigener Aufnahmen kaum noch möglich erscheint. Zudem ist die eigenständige Suche nach solchem Material strafbar und für Betroffene emotional hochriskant.
Das tatsächliche Auffinden eigener Abbildungen beschreibt Fock als massiven Schock. Vielen Betroffenen wird erst dann die Tragweite bewusst: die Vorstellung, dauerhaft von fremden Menschen betrachtet, sexualisiert und für Fantasien benutzt zu werden. Diese Erkenntnis kann selbst therapeutische Begleitung vor große Herausforderungen stellen, da es sich um eine komplexe, anhaltende Belastung handelt.
Auch Jahre später beeinflusst das Wissen um die Existenz der Bilder den Alltag. Manche Betroffene fragen sich in alltäglichen Situationen, ob fremde Menschen sie wiedererkennen könnten. Solche Gedanken können sich festsetzen und immer wiederkehren. Besonders schwer wiegt die Erfahrung, dass ein innerer Abschluss kaum möglich scheint. Während bei ausschließlich offline geschehenem Missbrauch die Chance besteht, mit Unterstützung einen Abschluss zu finden, bleibt bei im Internet verbreiteten Darstellungen die Sorge, dass diese dauerhaft verfügbar sind. Dadurch entsteht das Gefühl, der Missbrauch setze sich fort.
Gleichzeitig zeigt sich ein ambivalentes Erleben: Für manche Betroffene kann das sichere Wissen um die Existenz von Aufnahmen auch eine Form von Klarheit bringen. Gewissheit kann leichter zu bearbeiten sein als quälende Ungewissheit. Andere leiden besonders darunter, nur vage Erinnerungen an Kameras oder Fotos zu haben und nie zu erfahren, ob Material von ihnen im Umlauf ist. Diese Ungewissheit kann zu einem dauerhaften Gedankenkarussell werden, für das es bislang kaum unterstützende Angebote gibt.
Vor diesem Hintergrund formulieren Betroffene den Wunsch nach institutionellen Anlaufstellen, die prüfen könnten, ob bekanntes Missbrauchsmaterial sie zeigt – etwa mithilfe moderner Bilderkennungsverfahren. Denkbar wäre aus ihrer Sicht, dass staatliche Stellen Material, das sie unter anderem vom National Center for Missing & Exploited Children erhalten, entsprechend auswerten. Solche Vorschläge berühren jedoch komplexe rechtliche und ethische Fragen.
Ein weiterer belastender Aspekt ist die Art der Aufnahmen selbst. Insbesondere im kommerziellen Bereich berichten Betroffene, dass Täter gezielt „freundliche“ oder scheinbar einvernehmliche Darstellungen erzwingen, um Erwartungen von Konsumenten zu bedienen. Das kann später zu zusätzlicher Scham und inneren Konflikten führen, obwohl die Verantwortung eindeutig bei den Tätern liegt.
Fachberatungsstellen spielen in diesem Themenfeld eine wichtige Rolle, benötigen dafür jedoch spezifische Fortbildungen. Sie sollten Betroffene dabei unterstützen können, Inhalte von Plattformen löschen zu lassen und über Zuständigkeiten informiert sein – etwa bei Inhalten auf TikTok, Instagram oder Facebook. Fachkräfte müssen zudem Anlaufstellen wie jugendschutz.net oder ECPAT Deutschland kennen.
Zugleich ist es wichtig, das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch Betroffener nach schneller Löschung und den Interessen der Strafverfolgung transparent zu machen. Ermittlungsbehörden benötigen Material teilweise, um Täter zu identifizieren. Auch politische Gremien wie die Justizministerkonferenz ringen hier um Abwägungen zwischen Opferschutz, Strafverfolgung und ethischen Grenzen.
Insgesamt zeigt sich: Für Betroffene von im Internet verbreiteten Missbrauchsabbildungen braucht es passgenaue Hilfsangebote, rechtliche Klarheit, technische Lösungen und vor allem langfristige psychosoziale Unterstützung. Das Thema verlangt Sensibilität, Fachwissen und die Bereitschaft, neue Wege der Hilfe zu entwickeln. Die Erfahrungen von Ingo Fock machen deutlich, dass es sich nicht um ein abgeschlossenes Geschehen handelt, sondern um eine fortwirkende Belastung, die gesellschaftliche und institutionelle Antworten erfordert.