Neuere Forschung beschreibt sexuellen Missbrauch durch Frauen als ein häufig unterschätztes und gesellschaftlich verdrängtes Phänomen.
Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Kultur der Verleugnung“, da weibliche Täterschaft oft nicht mit gängigen Vorstellungen von Fürsorge, Mutterschaft und Weiblichkeit vereinbar erscheint. Dadurch werden Täterinnen von Angehörigen, aber auch von Fachkräften in Justiz, Medizin oder Jugendhilfe häufiger verharmlost oder übersehen. Betroffene berichten deshalb vergleichsweise oft davon, dass ihre Aussagen angezweifelt oder nicht ernst genommen wurden.
Die Studien zeigen außerdem, dass Frauen sexuelle Gewalt nicht nur gemeinsam mit männlichen Tätern ausüben. Zwar wurden Konstellationen, in denen Frauen zusammen mit Männern handeln, lange besonders intensiv untersucht, neuere Arbeiten machen jedoch deutlich, dass Frauen auch eigenständig Missbrauch begehen. Dabei nutzen sie unterschiedliche Formen von Manipulation und Grenzüberschreitung. Beschrieben werden unter anderem emotional abhängige Beziehungen, sexualisierte Formen von „Erziehung“, das bewusste Auflösen familiärer Grenzen sowie in einzelnen Fällen sadistische Gewaltformen.
Eine deutsche qualitative Untersuchung unterscheidet verschiedene wiederkehrende Muster weiblicher Täterschaft. Dazu zählt etwa die „parentifizierende“ Täterin, die emotionale Nähe und Abhängigkeit gezielt ausnutzt, oder die „vermittelnde“ Täterin, die Missbrauch innerhalb eines Täter:innensystems unterstützt oder ermöglicht. Forschende weisen jedoch darauf hin, dass solche Einteilungen keine starren Kategorien darstellen, sondern lediglich typische Dynamiken und Verhaltensweisen beschreiben sollen.
https://www1.wdr.de/nrw/bergisches-land/wuppertal/sexualisierte-gewalt-interview-dr-claudia-nikodem-100.html