Als ich Anfang der 2000er Jahre mich intensiv mit meinen Erlebnissen auseinandergesetzt habe, waren Online-Foren die wichtigsten Anlaufstellen, um Erfahrungen auszutauschen und das erste Mal über das Erlebte zu sprechen bzw. zu schreiben. In solchen Foren wie auch das Forum von gegen-missbrauch e.V. habe ich das erste Mal Unterstützung und Annahme erfahren. Ich musste mich nicht erklären, da die anderen User dort Ähnliches erfahren haben wie ich.
Die Internetforen, die ich damals zum Teil sehr intensiv genutzt habe, waren wie eine digitale Selbsthilfegruppe für mich. Ich konnte mich austauschen, ohne meinen richtigen Namen nennen zu müssen. Konnte mich vorsichtig an meine eigenen Erlebnisse herantasten. Und bekam Zuspruch von den anderen Usern. Es gab eine feste Community, wo man innerhalb kurzer Zeit (oft wenige Stunden) eine Antwort auf seinen Beitrag bekam.
Auf diese Weise konnte ich nicht nur mein Erlebtes endlich zu Sprache bringen, sondern habe auch Rat und Unterstützung bei der Suche nach einem Therapeuten, bei Fragen, die sich während der Therapie stellten oder gar Dinge ansprechen, für die ich noch nicht bereit war, direkt mit meinen Therapeuten zu besprechen. Ansprechen in dem geschützten Raum, den mir das Forum gegeben hat. Geschützt einerseits durch die technische Gestaltung des Forums, indem ich mich anonym äußern konnte und es zusätzlich geschützte Bereiche gab, die nur für registrierte User und später einen noch geschützteren Bereich, der nur für Vereinsmitglieder war. Aber dieser technisch geschützte Raum, hat für mich noch lang nicht das Forum ausgemacht. Es waren seine User, unsere Community, wo Menschen gingen und neue dazugekommen sind. Jeder in unterschiedlichen Phasen bei der Auseinandersetzung mit seiner eigenen Geschichte. Menschen denen man nichts erklären musste. Eine Austauschplattform von Betroffenen für Betroffene – auf Augenhöhe zuzusagen.
Heute würde man es mit den Worten ausdrücken „Ich fühle dich!“ Und ich finde es passt so unendlich gut, denn genau darum ging es. Verständnis, das einem Niemand – auch nicht der empathischste Therapeut - so geben kann, wie Jemand, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat.
Heute knapp 25 Jahre später ist auch unser Forum von gegen-missbrauch e.V. verwaist. Und oft stellen wir uns die Frage? Was sind die Gründe, dass in unserm Forum kein Austausch mehr stattfindet? Und wo finden die Betroffenen heute Austausch und Unterstützung? Denn Missbrauch findet nach wie vor statt, und demnach muss es auch nach wie vor das Bedürfnis nach Austausch, Unterstützung und Annahme des Erlebten durch andere Betroffene geben.
Was hat sich also verändert?
Chat-GPT sagt dazu: „Das Internet ist vom „Forum“ zum „Feed“ geworden“
Austausch findet nun auf Facebook, Instagram, TikTok und zahlreichen Messengern statt. Menschen bewegen sich in vielen kleinen digitalen Gemeinschaften, wie zum Beispiel in einer Facebookgruppen oder Instagram Channels. Gleichzeitig hat sich die Art des Austauschs verändert. Statt einer Textantwort wird heute überwiegend geliked, mit Emojis reagiert. Letztere erzeugen meiner Meinung nach aber deutlich weniger Anteilnahme als eine echte Antwort mit Buchstaben. Sie sind unverbindlicher und erzeugen damit weniger Nähe. Und die anonyme Nähe, die durch einen Austausch im Forum entstehen kann, war für mich auch ein Kriterium, mich dort angenommen und gesehen zu fühlen.
Ein Facebook-Post, ein Instagram-Kommentar oder eine Nachricht in einer Chatgruppe ist schnell geschrieben, aber über die Zeit nicht mehr oder nur sehr schwer auffindbar. Ein klassisches Forum dagegen hat eine eigene Identität und oftmals eine langfristige Geschichte. Man konnte nach Jahren noch alte Beiträge finden. Beiträge, die auch Jahre nach dem Post einem noch das Gefühl gaben: Da war jemand vor mir, der genau das schon einmal durchgemacht hat. Ich bin nicht allein!
Chat-GPT sagt zu dieser Frage folgendes:
„Vielleicht ist das eigentliche Problem heute nicht, dass es keinen Austausch mehr gibt, sondern dass der Austausch fragmentierter, flüchtiger und weniger auffindbar geworden ist. Vor 25 Jahren konnte ein Forum eine Art „virtuelles Dorf“ sein. Heute gibt es viele kleine digitale Räume – aber für jemanden, der gerade zum ersten Mal denkt „Vielleicht bin ich gar nicht allein damit“, ist es möglicherweise schwieriger zu wissen, wo dieser Raum überhaupt ist. Die alten Foren waren nicht einfach eine Website. Es waren soziale Schutzräume mit einer ganz bestimmten psychologischen Funktion. Genau diese Funktion ist im heutigen Internet nicht verschwunden – sie ist nur schwerer wiederzufinden.“
Und genau an dieser Auffindbarkeit haben wir von gegen-missbrauch e.V. vor einigen Jahren einen entscheidenden Fehler gemacht. Wir haben das Forum 2.0 mit einer moderneren Software konzipiert, weil uns das alte zu unübersichtlich und zu groß erschien in der Hoffnung, dass damit der rückläufige Austausch wieder mehr in Schwung kommt. Wir hatten uns in einer Arbeitsgruppe intensiv zu Struktur und Aufbau des neuen Forums ausgetauscht. Das „alte“ Forum wurde archiviert und das „neue“ Forum komplett neu aufgesetzt und damit auf „Null“ gesetzt.
Mit den Gedanken von heute hätten uns aber nicht die Frage stellen sollen: Kann man technisch ein neues Forum bauen und wie muss dieses aussehen? Sondern: Wie bekommt man genügend Menschen dazu, um diesen technischen Raum wieder als ihren Raum des Austausches und des gegenseitigen Verständnisses anzunehmen?
Wenig Austausch – kaum neue User – noch weniger Austausch
Neue Betroffene kommen und sehen: „3 Mitglieder, letzter Beitrag vor zwei Wochen“. Dann denken sie: „Hier ist ja niemand.“
Diejenigen, die schon dort sind, denken gleichzeitig: „Warum schreibt niemand?“
Und das Forum stirbt, obwohl eigentlich ein enormer Bedarf existiert.
Ein Forum, wie ich es damals kennen und schätzen gelernt habe, war für mich vor allem eins: eine digitale Selbsthilfegruppe. Und die Frage muss daher lauten: wie bekommen wir die heutige anonyme, schnelllebige unverbindliche Welt dazu wieder langfristige und verbindlichere Gemeinschaften aufzubauen. Denn als Betroffener von sexuellem Missbrauch ist genau das entscheidend
Was sind eure Gedanken dazu? Schreibt mir gern an Nela[at]gegen-missbrauch.de oder besucht unser Forum unter www.gegen-missbrauch.de/austausch.