Sexueller Kindesmissbrauch ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Dieser Satz ist inzwischen fast selbstverständlich geworden. Zu Recht.
Wir bei gegen-missbrauch e.V. beschäftigen uns mit Menschen, die sexuellen Kindesmissbrauch erlebt haben, mit den Folgen und mit der Frage, was sich in unserer Gesellschaft verändern muss. Dazu gehört für uns auch die Frage, wie über dieses Thema gesprochen wird und wie Informationen darüber die Öffentlichkeit erreichen.
Eine wichtige Rolle spielen dabei die Medien.
Journalistische Recherchen haben in den vergangenen Jahren immer wieder Fälle bekannt gemacht, Missstände offengelegt und Strukturen sichtbar gemacht. Sie haben dazu beigetragen, dass über sexuellen Kindesmissbrauch gesprochen wurde, wo zuvor geschwiegen wurde. Gerade bei einem Thema, das lange von Wegsehen und Verdrängen geprägt war, ist diese Arbeit wichtig.
Und trotzdem haben wir bei gegen-missbrauch e.V. angefangen, über etwas nachzudenken.
Viele ausführliche Beiträge über sexuellen Kindesmissbrauch erscheinen in Zeitungen und Zeitschriften hinter einer Bezahlschranke. Wer den vollständigen Artikel lesen möchte, braucht ein Abonnement oder muss dafür bezahlen.
Das ist zunächst nachvollziehbar. Journalismus kostet Geld, Recherche kostet Zeit und Medien müssen ihre Arbeit finanzieren können.
Die Frage ist deshalb auch nicht, ob Journalismus kostenlos sein sollte.
Die Frage ist eine andere: Sollte bei gesellschaftlich besonders relevanten Themen der Zugang zu Informationen eine besondere Rolle spielen?
Denn ein journalistischer Beitrag erreicht nicht nur diejenigen, die sich bereits mit einem Thema beschäftigen. Er kann auch Menschen erreichen, die bisher keinen Anlass hatten, sich damit auseinanderzusetzen.
Ein Lehrer liest über Grooming und erkennt dadurch Zusammenhänge, die ihm bisher nicht bewusst waren. In einem Sportverein führt ein Bericht über Täterstrategien dazu, dass das eigene Schutzkonzept hinterfragt wird. Eltern erfahren mehr über sexuelle Gewalt im Internet und beginnen ein Gespräch mit ihren Kindern. Ein Kommunalpolitiker wird durch eine Recherche auf Missstände in einer Einrichtung aufmerksam.
Diese Menschen haben nicht nach diesen Informationen gesucht. Sie sind auf sie gestoßen!
Genau darin liegt eine besondere Stärke von Journalismus: Er kann Aufmerksamkeit schaffen, bevor überhaupt ein konkretes Informationsbedürfnis entstanden ist.
Und damit stellt sich die Frage, was eine Bezahlschranke bei gesellschaftlich relevanten Themen bewirkt.
Wenn Betroffene ihre Geschichte erzählen
Noch eine andere Seite beschäftigt uns.
Viele journalistische Beiträge über sexuellen Kindesmissbrauch entstehen auch deshalb, weil Betroffene bereit sind, ihre persönlichen Erfahrungen zu teilen. Sie erzählen, was ihnen als Kind passiert ist, berichten über die Folgen und sprechen über Erfahrungen, die häufig lange verschwiegen wurden.
Das ist etwas anderes als ein gewöhnliches Interview.
Wer seine Geschichte öffentlich erzählt, gibt ein Stück seiner persönlichen Geschichte aus der Hand. Mit der Veröffentlichung kann sie von Menschen aus dem eigenen Umfeld gelesen werden und dauerhaft öffentlich bleiben.
Trotzdem entscheiden sich Betroffene dafür.
Sie möchten, dass ihre Geschichte gehört wird. Sie möchten auf Missstände aufmerksam machen und dazu beitragen, dass andere verstehen, was sexueller Kindesmissbrauch bedeutet.
Der Betroffene gibt seine Geschichte, der Journalist recherchiert und das Medium macht daraus einen veröffentlichten Beitrag. Das ist guter und wichtiger Journalismus – und selbstverständlich muss dieser Journalismus finanziert werden.
Aber wenn der Beitrag anschließend hinter einer Bezahlschranke steht, stellt sich für uns trotzdem eine Frage: Für wen wurde diese Geschichte eigentlich erzählt?
Diese Frage stellt sich übrigens nicht nur bei persönlichen Geschichten.
Es gibt wichtige Recherchen über sexuellen Kindesmissbrauch, an denen kein Betroffener beteiligt ist. Sie beruhen auf Akten, Daten, Gerichtsverfahren, Gesprächen mit Fachleuten oder investigativer Recherche. Auch sie können für die gesellschaftliche Auseinandersetzung von großer Bedeutung sein.
Die Frage nach der Bezahlschranke ist deshalb eine grundsätzliche.
Was ist uns gesellschaftlich wichtig?
Wir würden nicht behaupten, dass jeder journalistische Beitrag kostenlos zugänglich sein muss. Medien brauchen Einnahmen, und insbesondere aufwendige Recherchen müssen finanziert werden.
Aber nicht jeder journalistische Inhalt hat dieselbe gesellschaftliche Bedeutung.
Eine Recherche darüber, warum Kinder in einer Einrichtung nicht ausreichend geschützt wurden, ist etwas anderes als ein Unterhaltungsartikel. Ein Bericht über strukturelle Probleme beim Kinderschutz hat eine andere Bedeutung als die nächste Promi-Geschichte.
Deshalb finden wir es legitim, darüber nachzudenken, ob besonders relevante Informationen möglichst vielen Menschen zugänglich sein sollten.
Das könnte unterschiedliche Formen annehmen. Die wesentlichen Ergebnisse einer Recherche könnten frei zugänglich sein, während vertiefende Inhalte weiterhin Teil eines Bezahlangebots bleiben. Auch andere Finanzierungsmodelle für gesellschaftlich besonders relevante Recherchen sind denkbar.
Welche Lösung am Ende sinnvoll ist, müssen die Medien selbst entscheiden.
Uns geht es um die Frage dahinter.
Wenn sexueller Kindesmissbrauch ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, dann kann es nicht nur darum gehen, dass darüber berichtet wird. Es muss auch darum gehen, wer diese Berichte tatsächlich lesen kann.
Denn gesellschaftliche Debatten entstehen nicht nur unter denjenigen, die bereits sensibilisiert sind. Sie entstehen auch dort, wo Menschen auf Informationen stoßen, die ihren Blick auf ein Thema verändern.
Das gilt für investigative Recherchen ebenso wie für persönliche Geschichten von Betroffenen.
Wir wissen, dass guter Journalismus seinen Preis hat. Das stellen wir nicht infrage. Aber vielleicht müssen wir als Gesellschaft trotzdem darüber sprechen, ob es Themen gibt, bei denen der möglichst breite Zugang zu Informationen eine besondere Bedeutung hat.
Wie viel gesellschaftliche Relevanz darf an einer Bezahlschranke enden?
Darüber denken wir bei gegen-missbrauch e.V. nach.